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"Ja, aber...!"

Warum nicht? - Vernunft statt Emotionen

Aus verschiedenen Gründen gibt es in der Bevölkerung Bedenken, Einwände und Ängste, die den Einzelnen davon abhalten, von dem Angebot des zweisprachigen Unterrichts Gebrauch zu machen. In Informationsgesprächen werden Antworten auf Bedenken und Einwände und Argumente für die Zweisprachigkeit gesucht, die den Erziehungsberechtigten die Entscheidung erleichtern sollen.

- In der Familie wurde mit dem Kind nicht slowenisch gesprochen.

+ Es ist dies eine intime Entscheidung der Eltern, die zu respektieren ist. Die frühkindliche Zwei- und Mehrsprachigkeit - dort, wo sie auf Grund der Lebenssituation des Kindes möglich ist - stellt eine unwiederholbare Chance für den heranwachsenden jungen Menschen dar. Das Kind ist bereits beim Sprechenlernen imstande, zwei oder mehr Sprachen zu erwerben. Die bilinguale Erziehung im Kleinkindalter ist besonders wirksam, wenn sie konsequent personen- und situationsbezogen abläuft. Eine besondere Möglichkeit ergibt sich nicht selten im sprachlichen Kontakt mit den Großeltern, deren Beitrag eine wertvolle Hilfe sein kann.

- Volksgruppenangehörige wollen die Vermittlung ihrer Sprache der Schule überlassen.

+ Wo die Voraussetzungen gegeben sind, kann in der Familie eine wertvolle Vorarbeit geleistet werden. Die mangelnde Konsequenz mancher Volksgruppenfamilie geht zu Lasten des Kindes. Auch die Mundart bietet eine solide Basis für den Erwerb der Schriftsprache. Bekannt sind die Klagen junger Menschen, die im Erwachsenenalter mit harter Mühe das nachzuholen versuchen, was die eigenen Eltern oder Großeltern ihnen wegen eines nicht immer erklärbaren Anpassungsbedürfnisses vorenthalten haben. Wenn die Schule bei "Null" beginnen muss, wird sie dem Kind in wenigen Jahren die Muttersprache nicht zurückbringen können. Man sollte weder das Kind noch die Schule mit übertriebenen Erwartungen überfordern.

- Das Slowenische ist gerade noch die Sprache der älteren Generation.

+ Die Kinder lieben ihre Großeltern. Sie mögen ihre Sprache. Die Zeiten, als mit der slowenischen Muttersprache eine soziale Minderbewertung verbunden war, sind gottlob vorbei. (Interessanterweise ist die Bereitschaft, das Slowenische zu bewahren, bei den Menschen mit höherer Bildung stärker ausgeprägt.) Der Wunsch "Die Jungen sollen es besser haben!" ist heutzutage nicht mit Einsprachigkeit, sondern eher durch die Zwei- und Mehrsprachigkeit zu verwirklichen. Die Suche nach den Wurzeln, die Besinnung auf die Herkunft setzt ziemlich sicher einmal ein, häufig erst dann, wenn vieles unwiderruflich verloren ist. Mühsame, zeitaufwändige und mitunter teure Sprachkurse für Erwachsene sind kein gleichwertiger Ersatz.

- Öffentliche Betreuungs- und Erziehungseinrichtungen nehmen wenig Rücksicht auf die Zweisprachigkeit.

+ Tatsache ist, dass die vorschulische Betreuung und Erziehung zunehmend von der Familie öffentlichen Einrichtungen überantwortet wird. Diese sind somit zuständig für das von der UN-Konvention über die Rechte des Kindes ableitbare Recht auf Sprache und zumindest mitverantwortlich bei einem eventuellen Sprachverlust. Es gibt zu wenig vorschulische Erziehungs- und Betreuungseinrichtungen, die auf die Zweisprachigkeit des Kindes Rücksicht nehmen. Daher ist es legitim, dass die Eltern für ihr Kind die entsprechende sprachliche Betreuung einfordern. Nur so können nützliche Grundlagen für einen effektiven Spracherwerb in der Schule geschaffen werden. Die frühe Übung, in zwei Sprachen zu denken, steigert die intellektuelle Leistungsfähigkeit. Diese bewiesene Tatsache sollte nicht ignoriert werden.

- Es gibt unterschiedliche Zugänge zu einer weiteren Sprache.

+ Tatsächlich gibt es in der Wissenschaft unterschiedliche Auffassungen über die Effizienz der verschiedenen Lehrmethoden. Es gilt jenen Weg zu finden, der den Beteiligten (Schüler - Lehrer - Eltern) am ehesten entspricht. Allgemein gültige Rezepte für den Erfolg gibt es nicht. Von großer Bedeutung ist eine gute Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule. Die Sprache erwirbt man durch Sprechen. Der kommunikative Ansatz und eine einfache Verständigung in allen nur möglichen Situationen des Alltags in der Schule und daheim ist in jedem Fall so genannten Sprachlektionen vorzuziehen, und zwar in der gesamten Bandbreite vom Hörverstehen bis zum aktiven Sprachgebrauch. Die Sprachbetrachtung und das Herausheben von Gesetzmäßigkeiten und Regeln kommen später hinzu.

- Zweisprachigkeit kann zum Sprachverlust führen.

+ Volksgruppenangehörige befürchten manchmal, dass es durch die Forcierung der Zweisprachigkeit zum Verlust der ohnehin bedrängten Volksgruppensprache kommen könnte. Die Zweisprachigkeit könnte solcherart ein Übergang in eine neue Einsprachigkeit werden. Diese Bedenken bestehen zu Recht, wenn ein schlampiges Verhältnis zu einer oder zu beiden Sprachen mit einhergeht. Die Lehrer/innen sind jedenfalls verpflichtet das Kind dort abzuholen, wo es sich befindet. Das Spannungsverhältnis zwischen dem natürlichen (in die Wiege gelegten) und dem kulturellen (später angeeigneten) Bilingualismus könnte die erwünschte Zweisprachigkeit auch in ihr Gegenteil verkehren, so dass sie in eine "Halbsprachigkeit" abdriftet. Solchen Gefahren muss kompetent begegnet werden. Gut qualifizierte pädagogische Fachkräfte und eine hohe Kooperationsbereitschaft der Erziehungsberechtigten sind gefragt.

- Die Minderheitensprache hat ein geringes Sozialprestige.

+ Es gibt eine Sprachenhierarchie, die von Weltsprachen, Verkehrssprachen, stark verbreiteten Sprachen, über Staats- und Landessprachen, Volksgruppensprachen, Regionalsprachen bis zu Migrantensprachen reicht. Die Dominanz der Mehrheitssprache im öffentlichen Leben, in den Medien, in der Bildung, Wirtschaft, Politik, Kultur und im Gesellschaftsleben bringt die Volksgruppensprache in Bedrängnis. Durch Schutzbestimmungen und Förderprogramme können Defizite kaum ausreichend ausgeglichen werden. Durch die Öffnung der Grenzen und die verstärkte Mobilität gewinnt allerdings die Zwei- und Mehrsprachigkeit an Bedeutung. Wie in der Wirtschaft wird auch in der Bildung die Nachfrage nach Nischen eine wichtige Rolle einnehmen. Die sprachliche Spezialisierung fällt dem jungen Menschen sozusagen in den Schoß. Die überregionale Bedeutung des zweisprachigen Unterrichts liegt auf der Hand. Der für viele Kärntner/innen relativ einfache Zugang zu den slawischen Sprachen (18 % der Weltbevölkerung sprechen eine slawische Sprache) könnte in Zukunft - zusätzlich zu einer soliden Fachausbildung - für die Berufslaufbahn junger Menschen von Bedeutung sein. Der Leitgedanke ist nicht "Entweder - oder!", sondern "Je mehr, desto besser!"

- Die Zweisprachigkeit ist eine zusätzliche Belastung und behindert das Kind bei der Bewältigung der Stofffülle.

+ Diese Sorge ist in der Regel unbegründet. Manche Eltern haben ihr Kind bei Schulschwierigkeiten vom zweisprachigen Unterricht abgemeldet um es zu entlasten. Die Probleme sind aber meistens geblieben. Leistung ist natürlich gefragt, denn ohne Fleiß kein Preis! In der Schule wird mit viel Gefühl und modernen Lernmethoden gearbeitet. Das Üben und Wiederholen ist wichtig; die Kinder eignen sich eine konsequente Arbeitshaltung an. Bei den Hausübungen haben die Lehrer/innen darauf zu achten, dass sie das Kind ohne fremde Hilfe bewältigen kann. Kinder von Flüchtlingen und Vertriebenen aus den Kriegsgebieten im Süden besuchten österreichische Schulen. Es war erstaunlich, wie schnell und gut diese Schüler/innen Deutsch gelernt haben. Wenn die schulischen und außerschulischen Rahmenbedingungen stimmen - die Sprache lernt man von früh bis spät auch außerhalb der Schule -, stellt sich der Erfolg ein.

- Überwiegen die Vor- oder Nachteile?

+ Tatsächliche oder vermeintliche Benachteiligungen wegen der Zugehörigkeit oder eines Nahverhältnisses zur Minderheit mögen vorkommen. Allgemein sind sie zurückgegangen. Die Zweisprachigkeit eröffnet zusätzliche Möglichkeiten der Teilnahme am Gesellschafts-, Kultur- und Wirtschaftsleben im eigenen Land und in der Nachbarschaft. Die Menschen haben das erkannt. Dem Kind wird jedenfalls etwas gegeben, das im Leben nützlich sein kann - eine zweite Sprache. Und die kann ihm niemand wegnehmen.

- Ist die zweisprachige Schule eine Sackgasse?

+ Zweisprachiger Unterricht ist für die Vorschulstufe und für die ersten drei Schulstufen der Grundschule vorgesehen. In dieser Zeit wird das Fundament für die aufbauende bilinguale Bildung und Erziehung gelegt. Ab der vierten Schulstufe wird Slowenisch als eigener Unterrichtsgegenstand angeboten. Nach der Volksschule können die Schüler/innen am Slowenischunterricht in der Hauptschule oder in der Unterstufe des Gymnasiums teilnehmen. Am Bundesgymnasium und Bundesrealgymnasium für Slowenen findet der gesamte Unterricht in slowenischer Sprache statt. Im Unterrichtsfach Deutsch müssen die Schüler/innen das gleiche Niveau nachweisen, wie es für alle anderen österreichischen höheren Schulen gefordert wird. Ab der 9. Schulstufe bestehen zusätzliche Möglichkeiten im Besuch der Zweisprachigen Bundeshandelsakademie in Klagenfurt oder der Höheren Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe in St. Peter bei St. Jakob. Es findet sich immer ein Weg. Selbst ein zeitweiliger Schulbesuch in Slowenien lässt sich organisieren.


- Die Unannehmlichkeit des Außenseiterdaseins.

+ Es gibt Schulen, an denen nur wenige Schüler zum zweisprachigen Unterricht oder zum Slowenischunterricht angemeldet sind. Für die, die Slowenisch lernen, ergibt sich eine Art Vereinsamung. Dies ist alles andere als angenehm. Schwierig wird es auch, wenn es auf Grund der niedrigen Anmeldeziffern zu einer ungünstigen Stundenplangestaltung kommt. Trotz gelegentlicher Probleme und Unannehmlichkeiten ist die Schule bemüht, gute Rahmenbedingungen zu schaffen.

- Urängste, Altlasten und Vorurteile machen es schwer.

+ Junge Menschen gehen unbeschwert aufeinander zu. Leidvolle Erfahrungen der älteren Generation dürfen sich nicht wiederholen. Die Beseitigung der Sprachbarrieren ist ein Beitrag zur Überwindung von Gegensätzen. Das Sprachenlernen ist die wirksamste Art der interkulturellen Begegnung und somit der Friedenserziehung.

- Es gibt Versuche, auf Grund der Sprachkenntnisse nationale Zuordnungen vorzunehmen.

+ Die Zugehörigkeit des Einzelnen zu einer Sprachgemeinschaft, Nationalität oder Volksgruppe kann nur durch sein individuelles Bekenntnis bestimmt werden. Jeder Versuch einer Vereinnahmung oder Zuordnung ist unzulässig und eine Einschränkung der persönlichen Unabhängigkeit. Das Sprachenlernen oder die Sprachbeherrschung ist kein Bekenntnis zu einer Ethnizität; man wird ja auch nicht gleich ein Italiener, wenn man italienisch spricht. Das Zusammenleben in einer "Kultur der bunten Wiesen", wo jeder angenommen wird und seinen Platz findet, sollte als typisch kärntnerisch erhalten bleiben. Die Feststellung "In Südkärnten leben Deutsche und Slowenen und alle sind zweisprachig" ist heute nur noch geschichtliche Erinnerung.

- Minderheitenfreundlichkeit wird kritisch betrachtet.

+ Berührungsängste belasten Menschen mit einem verminderten Selbstwertgefühl. Leute, bei denen man auf Grund ihrer Herkunft die Zugehörigkeit zur slowenischen Volksgruppe vermuten könnte, sind besonders auf Abgrenzungen bedacht. Die wahren Gründe sind meist nicht bekannt. Für Kinder stellen sich diese Probleme der Erwachsenen nicht. Vorurteile und Abgrenzungen werden ihnen anerzogen, oft zu ihrem eigenen Nachteil. Jeder Haltung muss man mit Respekt begegnen. Einer erkennbaren Unterdrückung, der bewussten Hetze und gewissenlosen Verführung sollte man aber entschieden entgegentreten.

- Das Lernen einer Sprache, die nur von zwei Millionen Menschen gesprochen wird, zahlt sich nicht aus.

+ Die slowenische Sprache hat nicht sehr viele Sprecher, sie ist aber Sprache der Nachbarn. Die wirtschaftlichen, kulturellen, politischen, gesellschaftlichen und auch persönlichen Kontakte und die sich mehrenden Besuche der Menschen aus dem Nachbarland (Kunden, Geschäftspartner, Touristen) haben eine Intensität erreicht, die bislang unbekannt war und sich durch den zu erwartenden EU-Beitritt noch steigern wird. Sprachkompetenzen ebnen den Weg zum Erfolg. Geschäfte kommen nicht selten als Gefühlsentscheidungen zu Stande. Gerade wegen des Einkaufstourismus nach Kärnten ist die Zweisprachigkeit oft der ausschlaggebende Grund für eine Anstellung oder für eine Lehrstelle.Darüber hinaus erschließt sich dem, der eine slawische Sprache spricht, eine große, neue Welt.



  

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